Bei Haberkorns
Eine Sezierung

Es war kurz nach halb zwölf, als Büttner den Fehler machte, das Wort Théorie-Dérivezu benutzen.
Kaltenbach hatte bis dahin geschwiegen. Nicht das Schweigen eines Zuhörers. Das Schweigen eines Mannes, der wartet. Das hätte Büttner warnen müssen. Haberkorns Frau war schon nach hinten gegangen, das Licht über dem Tresen brannte gedimmt, nur ihr Tisch noch besetzt, die Aschenbecher voll, die Gläser halbleer, und Büttner hatte geredet, hatte seinen Text ausgebreitet wie ein Handlungsreisender seine Muster, hatte von Peyn gesprochen und von Fricker und von Byung-Chul Han, hatte epistemische Ungerechtigkeit gesagt und hermeneutische Lücke und Komplexitätsmanagement, hatte das Wort Konditionierung mindestens achtzehnmal verwendet, und Kaltenbach hatte geschwiegen, hatte sein Bier getrunken, hatte geraucht, hatte genickt, was Büttner für Zustimmung hielt, was es nicht war.
Dann sagte Büttner: Systemisches Gaslighting ist kein Bug, sondern ein Feature.
Kaltenbach stellte sein Glas ab.
Da war es wieder, dieses Wort, dieses Valley-Wort, Feature, als wäre das ein Argument, als wäre das irgendetwas anderes als Jargon, und Büttner saß da und sagte es, als hätte er es erfunden, als wäre es seins.
Schöner Satz, sagte Kaltenbach. Er sah nicht auf. Drehte sein Glas langsam zwischen den Fingern, als prüfe er es auf Fehler. Woher haben Sie den.
Das ist mein Satz, sagte Büttner.
Nein, sagte Kaltenbach. Das ist ein Satz aus dem Silicon Valley. Ein Programmierersatz. Ein Satz von Leuten, die disruptiv sagen und skalierbar und Ökosystem, wenn sie Markt meinen. Adrian Daub hat ein ganzes Buch darüber geschrieben. Alte Ideen in Kapuzenpullis. Das Valley nimmt Schumpeter, nimmt Ayn Rand, nimmt McLuhan, zieht ihnen ein T-Shirt an und verkauft sie als Innovation. Und Sie machen mit. Sie übernehmen die Sprache, ohne zu merken, woher sie kommt. Kein Bug, sondern Feature. Als wäre das Denken.
Büttner wollte etwas sagen.
Wir sind noch nicht fertig, sagte Kaltenbach.
Er zündete sich eine Zigarette an, ohne Büttner eine anzubieten.
Immer diese Leute, dachte Kaltenbach, immer diese Leute mit ihren Texten, mit ihren Manuskripten, mit ihren Theorien, die sie einem vorlegen wie Geschenke, wie Gaben, und dann soll man dankbar sein, soll man nicken, soll man sagen ja sehr interessant, sehr interessant Ihr Text, und man sitzt da und raucht und trinkt und wartet darauf, dass sie fertig werden, aber sie werden nie fertig, nie.
Gaslighting, sagte Kaltenbach. Schönes Wort. Kommt von einem Theaterstück. Hamilton. 1938. Ein Mann dimmt das Licht und redet seiner Frau ein, sie bilde sich das Flackern ein. Manipulation. Gezielte Destabilisierung. Ein Täter, ein Opfer. Klar. Jetzt nehmen Sie diesen Begriff, der etwas Präzises beschreibt, nämlich eine pathologische Beziehungsdynamik zwischen zwei Menschen, und dehnen ihn aus auf die Gesellschaft. Auf Institutionen. Auf Bildungssysteme. Auf Konditionierung. Plötzlich gaslightet nicht mehr der Ehemann die Ehefrau, sondern das Systemgaslightet uns alle. Und Sie merken nicht, was Sie gerade gemacht haben.
Was habe ich gemacht, fragte Büttner.
Sie haben den Begriff zerstört, sagte Kaltenbach. Ein Begriff, der etwas Bestimmtes bezeichnet, nämlich die gezielte Manipulation eines Menschen durch einen anderen Menschen, bezeichnet jetzt alles und nichts. Wenn alles Gaslighting ist, ist nichts mehr Gaslighting. Wenn die ganze Gesellschaft gaslightet, gibt es keinen Täter mehr. Und wenn es keinen Täter mehr gibt, gibt es auch keine Verantwortung. Gratuliere. Sie haben einen analytischen Begriff in eine Metapher verwandelt. In Lyrik. In Stimmung.
Kaltenbach trank.
Aber es geht ja weiter, sagte Kaltenbach. Sie zitieren Peyn. Diese FORMWELT-Sache. K0, K1, K2, K3. Komplexitätsmanagement. Klingt nach System. Klingt nach Wissenschaft. Ist aber keine. Es ist Taxonomie ohne Empirie. Sie ordnen Menschen in Stufen ein, ohne einen einzigen Beleg dafür, dass diese Stufen existieren. Das ist Astrologie mit griechischen Buchstaben. Und dann sagen Sie, die meisten Menschen operieren auf K0 oder K1, also eindimensional, und deshalb können sie nicht sehen, was wir sehen, die wir höher prozessieren. Wir, die Komplexen. Wir, die Seismographen. Wir, die als gestört Behandelten, die eigentlich die Ungestörten sind.
Kaltenbach lehnte sich zurück.
Das heißt Selbstimmunisierung, sagte Kaltenbach. Klassisch. Jede Kritik an Ihrer These beweist die These. Wer widerspricht, ist konditioniert. Wer nicht versteht, operiert auf K0. Wer das Flackern nicht sieht, ist blind. Sie haben ein geschlossenes System gebaut. Unfalsifizierbar.
Er sprach das Wort aus, als hätte er es erfunden.
Karl Popper dreht sich im Grab. Aber daran würden Sie sich nicht stören, weil Popper vermutlich auch nur K1 war.
Büttner sagte: Das ist nicht fair. Ich—
Han, sagte Kaltenbach. Byung-Chul Han. Der Philosoph für Leute, die keine Philosophie lesen wollen. Er schreibt kurze Bücher mit kurzen Sätzen über große Themen. Das macht ihn beliebt. Das macht ihn nicht richtig. Das selbstausbeutende Subjekt führt ein Arbeitslager mit sich. Schöner Satz. Falsch. Oder sagen wir: unterkomplex. Weil er die Frage nicht stellt, warum das Subjekt sich ausbeutet. Weil er nicht fragt, welches Subjekt. Weil er nicht unterscheidet zwischen dem Programmierer bei Google, der sich für seinen Aktienbonus kaputtarbeitet, und der Pflegerin, die sich kaputtarbeitet, weil sie sonst ihre Miete nicht zahlen kann. Für Han ist das dasselbe. Psychopolitik. Selbstoptimierung. Neoliberalismus. Alles eins. Und Sie übernehmen das, weil es gut klingt.
Das Bier war leer. Kaltenbach hob zwei Finger. Haberkorn kam, stellte zwei Gläser hin, sagte nichts, ging wieder.
Han war erledigt, Han war abgeräumt, jetzt der Daoismus, jetzt diese Laozi-Sache, diese Wu-Wei-Sache, da war noch etwas, da war noch dieser Storl, dieser Pflanzenflüsterer, den hatte Büttner zitiert, tatsächlich zitiert, in einem Text der ernst genommen werden wollte.
Der Daoismus, sagte Kaltenbach. Und ich gebe zu, sagte er, ich gebe zu, dass Sie hier etwas Richtiges sehen. Das Daodejing als Herrscherhandbuch. Das Volk soll unwissend und zufrieden sein. Wu Wei als Regierungstechnik. Ja. Das steht da. Das haben Sie erkannt. Gut.
Er machte eine Pause. Büttner wartete auf das Aber.
Aber dann. Kaltenbach machte eine Pause. Dann machen Sie etwas Ungeheuerliches. Sie sagen: Wir lesen den Text gegen den Strich. Wir betreiben produktive Misslektüre. Wir unterscheiden zwischen Daoismus und – wie nennen Sie es – Dao(tum). Mit Klammer. Als wäre das ein Begriff. Als wäre das etwas anderes als ein Wortspiel.
Er beugte sich vor.
Gegen den Strich, das war der Punkt, das war der Hebel, gegen den Strich, dieses Alibi für Beliebigkeit, dieses Freibillet für jeden der keine Arbeit machen will, gegen den Strich, als wäre das eine Methode, als wäre das etwas anderes als Faulheit mit Fußnoten.
Wissen Sie, was gegen den Strich lesen heißt? Es heißt: Ich nehme mir, was mir passt. Es heißt: Der Text sagt A, aber ich brauche B, also lese ich B. Es heißt: Die Geschichte des Textes, sein Kontext, seine Funktion – alles egal. Ich eigne mir an. Ich mache produktiv. Marx hat Ricardo gegen den Strich gelesen, schreiben Sie. Als wäre das ein Argument. Marx hat Ricardo kritisiert. Er hat ihn nicht umgedeutet, um sich wohlzufühlen. Er hat gesagt: Hier liegt Ricardo falsch, und hier ist warum. Das ist Arbeit. Was Sie machen, ist keine Arbeit. Was Sie machen, ist Bedienung.
Storl, sagte Kaltenbach. Sie zitieren Storl. Wolf-Dieter Storl. Der Mann, der mit Pflanzen spricht. Der Mann, der Schamanismus von Schamanentum unterscheidet, als wäre das eine philosophische Leistung und nicht bloß ein Suffix. Und Sie übernehmen das. Daoismus, Dao(tum). Als hätte das irgendeinen Inhalt außer: Ich will das Gute behalten und das Schlechte weglassen.
Er schnaubte.
Schamanentum, Dao(tum), als nächstes wahrscheinlich Yoga(tum), Meditation(tum), Räucherstäbchen(tum), man musste nur ein Suffix anhängen und schon war es Philosophie, schon war es Methode, schon durfte man alles behaupten.
Kontaminierte Werkzeuge, schreiben Sie. Die Reinheit ist die Illusion. Sehr schön. Sehr postmodern. Aber dann frage ich Sie: Wenn alles kontaminiert ist, wenn jede Kritik selbst konditioniert ist, wenn jede Aneignung neue Konditionierung produziert – warum schreiben Sie dann überhaupt? Warum dieser Text? Was soll er leisten?
Büttner öffnete den Mund.
Ich sage es Ihnen, sagte Kaltenbach. Er soll Sie trösten. Er soll Ihnen sagen, dass Ihr Unbehagen berechtigt ist. Dass Sie zu den Sehenden gehören. Dass die anderen konditioniert sind, aber Sie nicht, oder jedenfalls weniger, oder jedenfalls bewusster. Und der Daoismus, oder das Dao(tum), oder wie auch immer Sie es nennen wollen, der liefert die spirituelle Garnierung. Ziran. Pu. Song. Klingt gut. Bedeutet: Ich muss mich nicht mehr rechtfertigen.
Büttner starrte in sein Glas.
Ich sage Ihnen, was Ihr Text macht, sagte Kaltenbach. Er macht Sie zum Opfer. Und gleichzeitig zum Einzigen, der sieht. Beides. Komfortable Position.
Er drückte die Zigarette aus. Wischte Asche von Büttners Manuskript, beiläufig, als wäre es Altpapier.
Das Schlimmste aber, sagte er. Das Schlimmste ist der Begriff Théorie-Dérive. Das Umherschweifen als Methode. Das Flanieren durch Theorien, als wären sie Schaufenster. Ohne Ankunft. Ohne Ergebnis. Die Passage sucht keine Synthese.Schreiben Sie selbst. Natürlich sucht sie keine Synthese. Weil Synthese Arbeit wäre. Weil Synthese bedeuten würde, die Widersprüche auszuhalten, statt über sie hinwegzuschweben. Sie nennen es Dérive. Ich nenne es: den Gedanken nicht zu Ende denken. Und das als Methode verkaufen.
Büttner sagte: Sie verstehen nicht, was—
Ich verstehe es genau, sagte Kaltenbach. Das ist das Problem.
Fertig, dachte er, erledigt, wieder einer, wieder ein Text, wieder ein Büttner, wieder eine Nacht bei Haberkorn, und morgen würde er den Zettel anlegen, DÉRIVE, THEORIE-, und die Querverbindungen eintragen, sauber, systematisch, an seinem Platz.
Er stand auf. Legte einen Schein auf den Tisch. Dann, nach kurzem Blick auf Büttners Glas, einen zweiten.
Kaltenbach klopfte auf den Tisch. In meinem Zettelkasten gibt es einen Eintrag für Selbstimmunisierung. Querverbindungen zu Unfalsifizierbarkeit, Theorierefugio, Opferdiskurs. Und jetzt auch zu Ihrem Text. Alles verzeichnet. Alles an seinem Platz.
Er zog seine Jacke an.
Büttner würde noch eine Weile sitzen, würde sein Bier trinken, würde nach Hause gehen und seinen Text noch einmal lesen, würde sich fragen ob Kaltenbach recht hatte, und natürlich hatte Kaltenbach recht, Kaltenbach hatte immer recht, das war keine Arroganz, das war Logik, das war Arbeit, das war der Zettelkasten.
Gute Nacht, Büttner. Die Lampen flackern übrigens nicht. Das ist das Neonlicht hier. Haberkorn sollte es reparieren lassen.
Dann ging er.
Büttner blieb sitzen. Das Bier wurde warm. Haberkorn stand hinter der Theke und polierte ein Glas, das längst sauber war.
Draußen startete ein Motor. Kaltenbach fuhr nach Hause, zu seinem Zettelkasten, zu seinen viertausend Einträgen, die alle aufeinander verwiesen.