Der Zukunftsforscher
Rumsfelds Wiederkehr

Der Mann saß schon am Tresen, als Kaltenbach kam. Laptop aufgeklappt. Milchkaffee mit Schaum. Stöpsel im Ohr, obwohl er mit niemandem sprach. Das Café in Miesbach hatte drei Tische und eine Kaffeemaschine, die älter war als die Wiedervereinigung, aber der Mann hatte seinen Laptop aufgeklappt, als säße er in einem dieser Gemeinschaftsbüros in Schwabing, und er tippte, und er nickte dabei, und manchmal sagte er leise yes zu sich selbst, und Kaltenbach bestellte einen Kaffee, einen richtigen, schwarz, und setzte sich.
Der Mann tippte.
Kaltenbach trank.
Der Mann sagte yes und nickte.
Kaltenbach stellte die Tasse ab.
Was schreiben Sie da, sagte Kaltenbach, und es war keine Frage, es war der Beginn von etwas, das der Mann noch nicht erkannte.
Oh, sagte der Mann und nahm einen Stöpsel heraus, nur einen, der andere blieb drin, als müsse er jederzeit bereit sein für einen Anruf aus der Zukunft, ich schreibe über die Veränderung der Arbeitswelt. Ich war letzte Woche bei einem der großen Technologiekonzerne, wir haben da Systeme gebaut, die autonom handeln, und ich schreibe jetzt darüber, was das für uns alle bedeutet.
Was bedeutet es denn, sagte Kaltenbach.
Der Mann lächelte. Das Lächeln von Menschen, die gleich etwas erklären, das sie selbst nicht verstehen.
Alles ändert sich, sagte der Mann. Nicht bald. Jetzt. Sofort. Wir stehen an einer Schwelle, und wer das nicht begreift, wird zurückgelassen. Deshalb geht es jetzt um Reskilling. Um neue Kompetenzen. Lebenslanges Lernen. Die alten Abschlüsse reichen nicht mehr, wir brauchen schnelle Zertifikate, modulare Weiterbildung, und vor allem müssen die Menschen verstehen, dass sie Unternehmer ihrer eigenen Fähigkeiten sind.
Kaltenbach sagte nichts.
Die Maschinen übernehmen nicht mehr nur Aufgaben, sagte der Mann, sie denken. Sie analysieren. Sie handeln. Ich habe letzte Woche ein System entwickelt, das Berge von Material durcharbeitet und daraus Zusammenfassungen macht. Arbeit, für die ich früher Tage gebraucht habe –
Welche Arbeit, sagte Kaltenbach.
Wie bitte?
Welche Arbeit. Sie sagten, Arbeit, für die Sie früher Tage gebraucht haben. Welche Arbeit.
Der Mann blinzelte. Recherche. Analyse. Das Verdichten von –
Von was.
Von Material.
Was für Material.
Der Mann lachte, aber es war ein Lachen ohne Freude, es war das Lachen von Menschen, die merken, dass etwas anders läuft als geplant, aber noch nicht wissen was.
Das ist ja das Spannende, sagte er, das System kann mit allem arbeiten. Berichte, Studien, Zahlen –
Und was kam raus.
Eine Zusammenfassung. Mit Schaubildern.
Was stand drin.
Das ist – hören Sie, das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, wie schnell das geht. Der Punkt ist, dass wir lernen müssen, mit diesen Dingen zu arbeiten, sonst –
Sonst was.
Der Mann schloss den Laptop. Nicht ganz. Halb. Als würde er ihn gleich wieder aufklappen müssen, als wäre das hier nur eine Unterbrechung.
Sonst werden wir überrollt, sagte er. Es gibt Known Unknowns, also Fragen, auf die wir noch keine Antworten haben. Und es gibt Unknown Unknowns, also Fragen, die wir noch nicht einmal stellen können, weil wir nicht wissen, was wir nicht wissen. Das ist mein Framework.
Rumsfeld, sagte Kaltenbach.
Wie bitte?
Donald Rumsfeld. Verteidigungsminister unter Bush. Pressekonferenz, als es um die angeblichen Massenvernichtungswaffen ging. Known Unknowns, Unknown Unknowns. Sie zitieren den Architekten eines Angriffskrieges, um über Arbeit zu reden.
Der Mann nahm den zweiten Stöpsel heraus.
Das ist ein erkenntnistheoretisches Konzept, sagte er. Unabhängig von –
Das ist kein erkenntnistheoretisches Konzept. Das ist die Rechtfertigung eines Mannes, der behauptet hat, es gebe Waffen, die es nicht gab, und der hinterher sagte, man habe eben nicht wissen können, was man nicht gewusst habe. Das ist keine Erkenntnistheorie. Das ist eine Ausrede. Die Ausrede von Menschen, die handeln, ohne zu verstehen, und hinterher sagen, man habe eben nicht alles wissen können.
Kaltenbach trank seinen Kaffee. Der Mann sagte nichts.
Ich habe Texte wie Ihren gelesen, sagte Kaltenbach. Sie schreiben alle denselben Text. Schmerzpunkte. Kompetenzaufbau. Lerngeschwindigkeitsdilemma. Kleine Zertifikate. Sie schreiben, wir müssten unsere zutiefst menschlichen Fähigkeiten bewahren – Einfühlung, Urteilskraft, sittliches Handeln –, während Sie eine Maschine benutzen, die Ihnen das Denken abnimmt. Das ist die Pointe. Sie haben sie nicht bemerkt.
Ich benutze das als Werkzeug, sagte der Mann. Das ist ein Unterschied. Ich bleibe derjenige, der entscheidet.
Was haben Sie entschieden.
Ich habe entschieden, welche Fragen gestellt werden. Was untersucht wird. Wie das Ergebnis aussieht.
Die Maschine hat gelesen. Die Maschine hat Muster gefunden. Die Maschine hat Sätze geformt. Sie haben auf einen Knopf gedrückt. Dann haben Sie yes gesagt und genickt. Das ist keine Entscheidung. Das ist Beglaubigung. Sie beglaubigen, was Sie nicht verstehen, und nennen es Arbeit.
Der Mann stand auf. Ich glaube, wir haben unterschiedliche Sichtweisen.
Wir haben keine unterschiedlichen Sichtweisen. Sie haben keine Sichtweise. Sie haben Vokabeln. Zeitalter der Handlung. Unbekanntes Nichtwissen. Übergeordnete Kompetenzen. Einsatztruppen. Das sind keine Begriffe. Das sind Geräusche. Das ist das Geräusch, das entsteht, wenn jemand so lange mit Beratern gesprochen hat, dass er ihre Sprache für Sprache hält.
Der Mann klappte den Laptop zu. Ganz diesmal.
Sie wissen, sagte er, und seine Stimme war jetzt anders, dünner, Sie wissen, dass diese Entwicklung nicht aufzuhalten ist. Sie können sich dagegen wehren, aber –
Ich wehre mich gegen nichts. Ich benenne. Das ist ein Unterschied. Sie schreiben, wir sollten handeln. Uns aus der Behaglichkeit lösen. Unternehmer unserer eigenen Fähigkeiten werden. Das ist kein Rat. Das ist ein Spruch für den Abreißkalender. Das ist ein Bild mit Sonnenuntergang. Das ist ein Mann auf einer Jacht, der anderen sagt, sie sollen schwimmen lernen.
Ich stehe auf keiner Jacht.
Sie waren bei einem Technologiekonzern. Letzte Woche. Sie haben Systeme gebaut. Sie schreiben Rundbriefe über die Zukunft der Arbeit. Und den Menschen, deren Arbeit verschwindet – den Sachbearbeitern, den Übersetzern, den Lektoren, den Grafikern –, denen sagen Sie, sie sollen ihre übergeordneten Fähigkeiten stärken. Ihre Lernfähigkeit. Ihr eigenes Denken.
Kaltenbach stellte die Tasse ab.
Das ist keine Hilfe. Das ist Hohn. Der Hohn derer, die gewinnen, gerichtet an jene, die verlieren. Aber Sie verpacken ihn in Anteilnahme. In Sorge. In tiefe Menschlichkeit. Damit er nicht nach Hohn klingt. Damit er nach Zukunft klingt.
Der Mann stand jetzt. Laptop unterm Arm. Stöpsel in der Tasche.
Ich wünsche Ihnen alles Gute, sagte er.
Das bezweifle ich, sagte Kaltenbach.
Der Mann ging. Die Tür schloss sich. Die Frau hinter dem Tresen sah Kaltenbach an, aber sie sagte nichts, sie hatte gelernt, nichts zu sagen, sie arbeitete hier seit dreißig Jahren und hatte vieles gehört und das meiste vergessen, und Kaltenbach bestellte noch einen Kaffee, schwarz, und die Frau brachte ihn, und Kaltenbach trank, und draußen fuhr ein Auto vorbei, und dann war es still.
Er dachte an den Zettel über Widerhall. Abwesenheit von. Der Mann war gegangen. Alle gingen irgendwann. Das war keine Niederlage. Das war Erfahrung.
Er trank den Kaffee.
Er zahlte.
Er blieb noch eine Weile sitzen.