Der Wortbesessene

Eine Anatomie

Kaltenbach war ein Arsch. Das wusste jeder außer ihm. Er kam in Räume und hatte Recht. Das war seine Art. Sein Fehler.

Andere Männer sammeln Uhren. Oder Frauen. Oder Schulden bei den falschen Leuten. Kaltenbach sammelte Worte. Er hatte einen Zettelkasten. Einen echten Zettelkasten, Holz, Metall, alphabetisch sortiert und querverwiesen. A wie Autonomie. B wie Bourgeoisie. C wie Chauvinismus. So ging das weiter bis Z wie Zynismus, und bei Z war er besonders stark. Luhmann hatte den Zettelkasten berühmt gemacht. Das gab Kaltenbach zu, wenn er großzügig war, und er war selten großzügig. Aber Luhmann, dieser Bielefelder Aktenschrank, hatte nur ein System gebaut, ein sogenanntes System, sagte Kaltenbach, ein Verwaltungsakt, weiter nichts. Kaltenbach baute eine Waffe. Eine Enzyklopädie des richtigen Denkens. Fünfundvierzig Jahre Arbeit. Andere zahlen fünfundvierzig Jahre in die Rentenkasse, Kaltenbach legte Zettel an. Vierzehntausend Stück. Jeder Zettel ein Skalpell. Jede Querverbindung ein Hinterhalt.

Seine Herkunft war proletarisch. Ruhrpott. Gelsenkirchen oder Bottrop oder eine dieser Städte, die wie Krankheiten klingen. Er hatte eine aggressiv-dialektische Schnauze. Laut. Ohne Benimm. Kein Besteck, nur Fäuste. So dachte Kaltenbach. So sprach er. Manchmal sprach er Hochdeutsch, geschliffen, akzentfrei, beinahe zärtlich. Das war eine Falle. Das war die Täuschung. Er täuschte seine Opfer mit Nebensätzen und korrekter Grammatik, ließ sie glauben, sie hätten es mit einem Zivilisierten zu tun, und dann fiel er sie an, hinterlistig, genüsslich, und sezierte sie bei lebendigem Leib. Das hatte er gelernt. Nicht an der Universität. Auf der Straße.

Er war ein Meister der Logik. Das sagte er nicht. Das wusste er. Es gibt einen Unterschied. Wittgenstein hatte den Tractatus geschrieben, und Kaltenbach hatte den Tractatus gelesen, mehrfach, und jedes Mal hatte er gedacht: Ja. Gut. Aber. Hätte Wittgenstein dieses Werk nicht geschrieben, sagte Kaltenbach einmal zu Haberkorn, nach dem dritten Bourbon, hätte ich es ihm diktiert. Haberkorn hatte gelacht. Das war ein Fehler gewesen. Kaltenbach hatte nicht gelacht. Kaltenbach lachte nie über die Wahrheit. Er liebte das Wort wie Fossey die Gorillas. Bedingungslos. Besessen. Bereit, dafür zu sterben.

Manchmal nachts saß Kaltenbach an seinem Schreibtisch. Die Stadt still. Licht fiel durch die Jalousien. Er öffnete die unterste Schublade und holte sein Wahrheitsbesteck hervor. Ein Glas. Eine Flasche Bourbon. Er schenkte sich ein. Der Bourbon wurde warm. Langsam. Der Bourbon hatte Zeit. Kaltenbach auch. Sonst hatten beide nichts. Er blätterte durch seine Karten, eine nach der anderen, und jede Karte war ein Sieg, jede Querverbindung ein Beweis, und er fühlte sich wie ein König. Ein König der Semantik. Ein Feldherr der Syntax. Draußen schlief die Stadt. Drinnen wachte Kaltenbach. Jemand musste ja.

Kolonialismus konnte er aus dem Effeff. Definieren, sezieren, widerlegen, nachweisen, je nach Bedarf. Er schaute sich die Wörter der Leute an, ihre harmlosen kleinen Wörter, und schwups: Diagnose, Urteil, Verdammnis. Er konnte jedem nachweisen, wann und wo und wie er selbst kolonialistisch dachte oder postkolonialistisch handelte oder beides gleichzeitig, was meistens der Fall war. Die Leute merkten es nicht einmal. Das war ja das Tragische daran, sagte Kaltenbach, sie reproduzieren Herrschaftsstrukturen beim Frühstück und wundern sich dann über die Welt.

Was Kaltenbach nicht sah, was er nicht sehen konnte, was er nicht sehen wollte, weil er es nicht wahrhaben wollte: dass sein eigenes Denken, sein westliches, neoliberales, logozentrisches Denken, selbst eine Kolonisierung war. Eine Kolonisierung der Welt durch das Wort. Durch sein Wort. Er hatte kein Verständnis für die andere Vernunft. Das stand nicht bei den Griechen. Kein Philosoph, den er verstanden hatte, hatte es ihm vorgesagt. Nicht in seiner Welt.

Schamanentum. Indigene. Native Americans. First Nations. Schön, sagte Kaltenbach, es gibt sie, aber was? Was soll ich damit anfangen? Wo ist der Zettel? Wo ist die Querverbindung? Er hatte keine. Also gab es keine. Einfache Logik. Die Logik des Meisters.

Maschinentexte konnte er zehn Meilen gegen den Wind riechen. Da wurde er piefig. Da wurde er kleinlich auf eine Art, die er sonst verachtete. AI Act, schrie er dann, AI Act! Als wäre das ein Bannspruch. Als wäre das ein Exorzismus. Vielleicht war es das auch.

An einem Abend im November saß er bei den Haberkorns. Ein Abendessen. Nichts Besonderes. Rotwein, Rinderbraten, Konversation. Kaltenbach hasste Konversation. Konversation war der kleine Bruder des Diskurses, und der kleine Bruder verdiente Verachtung.

Haberkorn sagte etwas über die Mieten. Seine Frau sagte etwas über den Garten. Ein Gast, dessen Namen Kaltenbach vergessen hatte, noch während er ihn hörte, sagte etwas über das Wetter. Die Leute reden immer über das Wetter, sagte Kaltenbach, weil sie über nichts anderes reden können, weil ihnen zu nichts anderem etwas einfällt, weil sie geistig vollkommen verödet sind, natürlich.

Kaltenbach wartete. Er wartete wie ein Tier wartet. Dann schlug er zu.

“Das Wetter”, sagte er, “ist eine bürgerliche Kategorie der Vermeidung.”

Stille.

Er liebte diese Stille. In dieser Stille wuchs er. In dieser Stille wurde er real. Die Stille nach dem Satz, die Stille vor dem Verstehen, die Stille in der alles möglich ist und nichts mehr zurückgenommen werden kann.

Zwei Stunden später hatte er den Gast in die Enge getrieben. Der Mann, ein Versicherungsmakler oder etwas ähnlich Bedeutungsloses, ein typischer Vertreter des bundesrepublikanischen Stumpfsinns, sagte Kaltenbach später, schwitzte. Kaltenbach redete über Adorno. Er redete über die Verdinglichung des Wettergesprächs. Er zitierte Benjamin, falsch wahrscheinlich, aber mit Überzeugung. Niemand korrigierte ihn. Niemand wagte es. Diese Leute, sagte Kaltenbach, haben ja nie etwas gelesen, nichts Wesentliches jedenfalls, nur ihre Versicherungspolicen und ihre Gartenzeitschriften.

Der Versicherungsmakler wollte aufstehen. Kaltenbach legte ihm die Hand auf die Schulter. Nicht fest. Aber bestimmt.

“Wir sind noch nicht fertig”, sagte er.

Sie waren erst fertig, wenn Kaltenbach sagte, dass sie fertig waren. Das stand in seinem Zettelkasten. Zettel 4.891, Querverbindung zu Macht, Diskurs, Beendigung.

Gegen Mitternacht griff Kaltenbach in die Innentasche seines Jacketts. Der Flachmann. Bourbon. Notration für den Ernstfall. Der Rotwein war alle und die Haberkorns hatten sich ins Schlafzimmer zurückgezogen, wie immer, sagte Kaltenbach, diese Leute gehen immer ins Bett wenn es interessant wird, sie halten es nicht aus, sie halten überhaupt nichts aus. Der Versicherungsmakler war irgendwann geflohen. Kaltenbach saß allein in der Küche.

Der Bourbon brannte in seiner Kehle, in seiner Seele. Er trank ihn ohne Eis weil Eis eine Konzession war. Er machte keine Konzessionen. Nicht beim Trinken. Nicht beim Denken. Nicht beim Leben.

Er wurde laut. Erst zu sich selbst. Dann zu den Wänden. Die Wände hörten zu. Die Wände widersprachen nicht. Das war das Problem mit Wänden. Die Wände waren weiß und still und nahmen alles auf und gaben nichts zurück, wie Schnee, dachte Kaltenbach, wie Schnee der fällt und fällt und alles zudeckt und nichts verändert. Auch das hatte er notiert. Zettel 12.003. Querverbindung zu Resonanz, Abwesenheit von.

Kaltenbach hatte eine Theorie. Die Theorie besagte, dass die Welt aus Worten bestand. Nicht aus Dingen. Aus Worten. Wer die Worte kontrollierte, kontrollierte die Welt. Einfache Arithmetik. Man sagt, Sartres Werk sei das letzte geschlossene philosophische System gewesen. Kaltenbach sah das anders. Sartre war der Vorletzte. Das Hirn, dachte Kaltenbach, das Hirn arbeitet, das Hirn sortiert, das Hirn macht Ordnung, und am Ende steht die Wahrheit, klar, sauber, unwiderlegbar. Für Leute, die das Denken im Bauch verorteten, im Herzen, in den Händen, in irgendwelchen Energiefeldern, hatte er nur Verachtung. Das war kein Denken. Das war Verdauung.

Er hatte diese Theorie auf dreihundertvierzehn Zetteln niedergeschrieben und in einem separaten Kasten verwahrt, zusammen mit seinem Testament und einer Pistole.

Das Problem war nur: Niemand wollte kontrolliert werden. Die Leute wollten über das Wetter reden. Über Mieten. Über Gärten. Sie wollten in Ruhe gelassen werden mit ihren falschen Begriffen und ihren unscharfen Gedanken. Das ist ja das Unerträgliche an diesem Land, sagte Kaltenbach, dass die Leute ihre Begriffsstutzigkeit für Gelassenheit halten und ihre Denkfaulheit für Toleranz.

Kaltenbach konnte das nicht zulassen.

An einem Morgen im Dezember wachte er auf dem Sofa der Haberkorns auf. Sein Mund schmeckte nach Asche und altem Bourbon. Frau Haberkorn stand über ihm und sagte etwas. Er hörte nicht zu.

Er stand auf. Er ging zur Tür. Er drehte sich um.

“Die Welt”, sagte er, “ist ein Text. Und ich bin sein Lektor.”

Dann lachte er. Es war ein lautes Lachen. Ein Lachen wie ein Husten. Ein Lachen wie ein Hund, der bellt, weil er nichts anderes kann.

Frau Haberkorn schloss die Tür hinter ihm.

Er ging nach Hause. Die Straßen waren leer und der Morgen grau und irgendwo sang ein Vogel, grundlos, sinnlos, ohne Zettel, ohne Querverbindung. Der Zettelkasten wartete. Die Worte warteten. Die Wahrheit, seine Wahrheit, die einzig gültige, wartete. Luhmann war tot und hatte nichts begriffen. Kaltenbach lebte und begriff alles, selbstverständlich.

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