Bildung als Ornament

Verachtung

Jemand hatte ihm einen Text geschickt. Wieder einer. Kaltenbach las ihn zweimal. Das war einmal zu viel.

Er klappte den Laptop zu. Griff zum Bourbon. Das Glas kalt. Gut so.

Belesen, sagte er zur Wand. Der Mann ist belesen. Das sieht man. Das soll man sehen. Proust hier, McLuhan da, ein bisschen Pynchon, ein bisschen postmoderne Erzähltheorie, alles eingestreut, Bildungskrümel, schaut her, ich habe gelesen, schaut her, ich weiß Bescheid, schaut schaut schaut. Applaus. Applaus vom Freundeskreis. Vom Lesezirkel. Von der Volkshochschulrunde Kreatives Schreiben, Donnerstags, neunzehn Uhr, Raum 3.

Er trank. Der erste Schluck. Er schloss kurz die Augen.

Aber, sagte er. Aber. Die Bildung hat kein Zentrum. Kreist um sich selbst. McLuhan wird genannt, nicht gedacht. Proust zitiert, nicht gefühlt. Hat Proust nie gefühlt. Kennt Proust vom Hörensagen. Vom Feuilleton. Vom Klappentext. Alles Oberfläche. Tiefe wird simuliert. Das ist der Trick, man stapelt Referenzen, die Leute denken, dahinter steckt was, steckt nichts, steckt nur der nächste Name, der nächste Verweis, das nächste Augenzwinkern für die Eingeweihten, immer weiter, immer weiter, das Rattern hört nicht auf, darf nicht aufhören, sonst merkt man, dass nichts dahinter ist.

Er stand auf. Ging zum Fenster. Draußen Licht auf nassem Asphalt. Schön eigentlich. Er schaute weg.

Eingeweihte, sagte er. Das ist das Wort. Der schreibt für einen Kreis. Fünf Leute. Sechs vielleicht. Die wissen, wer gemeint ist. Die nicken beim Lesen. Die schreiben zurück, schön, gefällt mir, mach weiter. Und er macht weiter. Schreibt den nächsten Text. Schickt ihn rum. Wieder Nicken. Wieder schön. Ein Perpetuum mobile aus Selbstbestätigung. Literatur als Gruppenchat. Kunstpraxis des gegenseitigen Schulterklopfens.

Er hatte einen Hund gehabt. Einmal. Warm das Fell. Morgens.

Und die Ironie, sagte er. Die Ironie als Schutzschild. Man nimmt sich selbst nicht ernst, damit niemand anderes es tun muss. Scheitert es, war es Absicht. Gelingt es, Genie. Kann nicht scheitern. Kann nie scheitern. Das ist das Schöne an der Ironie, man ist immer auf der sicheren Seite, immer schon einen Schritt voraus, immer schon wissend, dass alles Spiel ist, alles Zitat, alles nicht so gemeint, nie so gemeint.

Er wandte sich vom Fenster ab.

Das Tragische, sagte er. Setzte sich. Nein. Nicht tragisch. Tragisch wäre zu viel der Ehre. Das Erbärmliche ist: Der kann schreiben. Einzelne Sätze funktionieren. Manchmal. Zwischen dem Rauschen. Dann ein Satz, der stimmt, der sitzt, der trifft, und dann wieder Rauschen, Rauschen, dann wieder Referenzen, wieder Ironie, die guten Sätze ertrinken, der Mann ertränkt sie selbst, mit eigenen Händen, immer wieder, freiwillig, freudig fast.

Kaltenbach trank. Das Licht fiel schräg. Staub in der Luft. Wie damals. Nein.

Will Weltliteratur sein, sagte er. Ist Kettenbrief. Will die großen Fragen stellen. Hat Angst vor den Antworten. Versteckt die Fragen hinter so vielen Schichten, dass sie ersticken. Und wenn sie erstickt sind, kann er sagen: Ich habe gefragt. Ich habe es versucht. Ihr habt nur nicht richtig gelesen.

Kaltenbach schwieg.

Draußen bellte ein Hund. Das Licht ging aus in einem Fenster gegenüber. Jemand schlief jetzt. Jemand konnte schlafen.

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